von Julia Koop

Grundsätzlich und insbesondere während der Corona-Pandemie dachte ich lange: Die Kultur – verstanden sowohl als Gesellschaftsreflexion als auch als Innovationsfunktion – könnte mehr Wertschätzung von der Gesellschaft verlangen. Doch nach längerem Nachdenken und nach kollegialen Gesprächen änderte ich meine Sicht. Ich merkte, dass ich falsch angesetzt hatte: Denn wie sollen wir – als Kulturschaffende – etwas von anderen verlangen, wenn wir uns selbst aus den Augen verloren haben? Wenn „die Kulturschaffenden“ sich selbst nicht mehr klar bekennen und aus sich heraus agieren können, nicht mehr unabhängig arbeiten und allein walten können? Genau wie beim Selbstvertrauen eines Menschen ist es auch beim Selbstvertrauen, der eigenen Identifizierungsfindung und Wertschätzung innerhalb der Kulturbranche: Der Schlüssel zur Wertschätzung und Veränderung liegt bei uns selbst.

Und so auch bei der Kultur als Arbeitsraum der Kulturschaffenden.[1] Wie schaffen kulturelle Institutionen (wie z.B. Museen, Theater, Kunstvereine etc.) eine aus sich heraus wachsende Selbstbestimmtheit trotz und gerade wegen der momentanen Umwandlung durch Corona? Welchen Eigenwert bringt die Kulturbranche mit? Und reicht es, ‚nur noch‘ Erinnerungen zu bewahren und Kulturgut der Bevölkerung zugänglich zu machen? Haben diese Werte und Identitätsmerkmale der Kultur gegenwärtig und dauerhaft Relevanz?

Ist dies ein Beginn einer neuen, kulturellen Revolutionsbewegung?

Vielleicht braucht es jetzt gerade einen Aufruf dazu, dass Künstler*innen und Kulturschaffende eine neue, künstlerische, kulturelle und kreative Revolution von Kultur starten. Sich selbst reflektieren und darüber hinaus neue Wege finden, Projekte ins Rollen zu bringen. Ich denke an eine Avantgarde des 21. Jahrhunderts. Oder eine Zeit der Renaissance – jedenfalls einen Bruch durch die Krise zu etwas Neuem, Anderen und Besseren. Umdenken, neue Wege erschaffen und sie dann schließlich selbstbewusst gehen. Ansätze gibt es bereits und ich rufe dazu auf, diese weiter anzugehen und durchzuführen. Beispiele hierfür sind z.B. die Münchener Pinakothek der Moderne, wo die Künstlerin Betty Mü Videoprojektionen draußen gezeigt hat, und in Berlin, wo Kunstwerke unterschiedlich draußen präsentiert wurden.[2] Nur wer mit diesen schnellen Veränderungen unserer Zeit mitgeht, kann auf Dauer mitkommen und sich durch Interesse halten. Das gilt auch für die Kulturbranche.

Für die „klassische Wirtschaft“ mag gelten: Nur, wer sich an die schnellen Veränderungen anpasst, kommt auf Dauer mit. Für die Kultur heißt es eher: Nur, wenn die Kulturszene in ihren Arte- und Mentefakten es schafft, die schnellen wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen in ihren Werken zu spiegeln, zu verfremden, erfahrbar zu machen, weiterzudenken, zu fragmentieren oder neu zusammenzusetzen, hat sie auf Dauer Relevanz und kann Aufmerksamkeit erzeugen. Und dies schließt die Beschäftigung mit sich selbst, mit der Bedeutung, der Rolle und den sinngebenden Möglichkeiten von Kultur ein.

Dabei denke ich nicht nur an die Selbstauffassung, also das, was Kulturschaffende aus sich heraus sein möchte, sondern auch an die Auseinandersetzung mit Themen wie die umfassende Pandemiepolitik, Digitalisierung, Ideen und Konzepte für den Klimaschutz, die Auseinandersetzung mit Globalität und Regionalität, internationales Know-How bündeln, Kompetenzen vernetzen, und ja: auch neue Arbeitsfelder und Berufswege schaffen und erkunden, um Potenziale freizulegen und zu nutzen. Gerade wenn es um Innovation geht, ist es wichtig, sich mit der Forschung und somit u.a. mit Studierenden zu umgeben. Wo möchte die Kultur im Heute und im Morgen stehen?


[1] Erste Ansätze dazu wurden erkannt und bei manchen bereits in ersten Schritten angedacht und in die Planung mithineingenommen, wie in dem Beitrag aus Titel Thesen Temperamente (vom 07.02.2021) zu sehen gab: https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/ttt-07022021-museen-lockdown-100.html.

[2] https://www.n-tv.de/leben/In-Muenchen-leuchtet-die-Kunst-draussen-article22302845.html.

https://www.arte.tv/de/videos/101431-000-A/corona-lockdown-kunst-zieht-nach-draussen/.

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