Schönschreiber*in

Tätigkeit in Nebentätigkeit oder hauptberuflich selbstständig. Weitere Berufsbezeichnungen: Kalligraf*in, Blackboard Artist, Chalkboard Artist

Kalligrafie als „technische, geometrische“ Herangehensweise, die Wert auf die Konvention legt –  Schönschreiben eher als rhythmische, fließende Arbeitsweise, die Wert auf den persönlichen Ausdruck legt. 

Digitalisierung in vielen Lebensbereichen stellt auch die vertraute Kulturtechnik des Schreibens mit der Hand unter Rechtfertigungsdruck. Es fühlt sich selbstverständlich an, die Handschrift zu verteidigen und in Zusammenhang mit vielen anderen Kompetenzen und kulturellen Tugenden (Sorgfalt, Sauberkeit, Bereitschaft, sich Mühe zu geben, Konzentration etc.) zu bringen. Anne Trubek nimmt in ihren Essays die gängige Verbindung von Kulturpessimismus und dem Verlust der Handschriftkompetenz auf. Sie widerspricht: Es handle sich mitnichten um einen zivilisatorischen Rückschritt, sondern um eine Veränderung und Entwicklung

Auch der Zusammenhang zwischen Handschrift und kognitiven Leistungen sowie Gedächtnis (und damit Lernen insgesamt) wird erforscht, ebenso umgekehrt motorische Entwicklung im Allgemeinen und Handschrift als Resultat einer guten oder einer defizitären motorischen Entwicklung. 

Ganz abgesehen von der Bewertung als „gut“ oder „bedauerlich“ stelle ich jedoch fest, dass ich im Alltag nicht mit der Hand schreiben muss. Wenn ich dies tue, dann ist es ein Entschluss, und ich hätte meist die Wahl, auch zu tippen statt zu schreiben. Als Mutter kann ich berichten, dass meine Kinder sehr viel früher mittels Tastatur Buchstaben zu Worten zusammenfügen konnten als sie die Form von Buchstaben mit der Hand nachvollziehen konnten. Das verändert natürlich den Prozess und auch die Didaktik des Schrifterwerbs erheblich – auch hier wieder zunächst nur als Beobachtung, ohne dies zu bewerten. Ich stellte fest, dass es kaum didaktische Antworten auf diese Veränderung gibt. Die gängige Empfehlung war – sozial akzeptiert -, den Kindern die Tastatur vorzuenthalten, damit sie Schrift als Handschrift erlernten. Ich bin überzeugt davon, dass es gute Gründe gibt. Aber ich habe auch beobachtet, dass es schlicht (noch) keine allgemeine gute Idee dazu gibt, wie mit den unterschiedlichen Geschwindigkeiten des Schrifterwerbs und auch den unterschiedlichen Dimensionen, zu denen diese Schrifterwerbe den Zugang eröffnen, didaktisch-pädagogisch umgegangen werden soll. Im Alltag erlebte ich Negativstrategien: Verbieten oder so tun, als gebe es das Phänomen nicht. Hier gibt es also Bedarf für eine Verknüpfung digitaler und analoger Strategien, die vermutlich noch mit Datenerhebungen, Beobachtungen, Erproben didaktischer und pädagogischer Maßnahmen einhergehen müssen. Auch darin bestehen also Berufschancen – Schreibdidaktik. 

Das Schönschreiben lebt mit der Digitalisierung wieder auf – nicht nur im Kontrast zu den vielen gedruckten und digitalen Texten, sondern auch, weil die Vermittlung leichter geworden ist.

Schönschreiber*innen nutzen online-Plattformen, um ihre Angebote zu platzieren, sie arbeiten remote, sie bieten online-Tutorials und Übungsblätter zum Download an, sie pflegen Blogs, sie nutzen ihrerseits Downloads und digitale Typos zur Weiterentwicklung ihres Stils oder als Vorlage für Kundenaufträge. Sie vernetzen sich untereinander und mit ihren Kunden. 

Tätigkeiten:

  • Anfertigung von handgeschriebenen Unikaten in schöner Schrift mit echter Tinte auf ausgesuchten Materialien, z.B. für Kundengewinnung/Kundenbeziehungen (Weihnachtskarten für Unternehmen, handgeschriebener Dank, Gestaltung von Kuverts, Gästebegrüßung…), Menükarten, Einladungen, Liebesbriefe und Eheversprechen 
  • Anfertigung von Tafeln, Aufstellern und Schildern für Läden und Restaurants

Arbeit-/Auftraggeber*innen:

Der Einstieg in das Schönschreiben ist in Nebentätigkeit möglich. Zur Professionalisierung gehören die Ausweitung des Produkt- und Serviceportfolios, also vielleicht beginnend mit Weihnachtskarten und weitergehend zu Einladungen usw., beginnend mit Handlettering und weitergehend zu spezialisierten Schriften, beginnend mit Papier und weitergehend zu Chalkboard. Ich habe Beispiele gefunden, die über Kleinanzeigen starteten und dann über Empfehlungsmarketing innerhalb von zwei bis fünf Jahren eine volle Erwerbstätigkeit daraus entwickeln konnten. 

Der Einstieg in die Bildungsforschung bzw. die Vermittlung von Handschriftkompetenzen erfolgt z.B. über Werkstudententum, empirische Examensarbeiten an einem Forschungsinstitut, öffentliche Ausschreibungen von entsprechenden Institutionen. 

  • Unternehmen, die kalligrafische Dienstleistungen in Anspruch nehmen wollen. Evtl. über Werbemittelfirmen, Kommunikationsagenturen oder Druckereien, weil die die Konfektionierung von Drucksachen, tw. auch Weihnachtspräsenten übernehmen und den Kontakt vermitteln können.  
  • Unternehmen, die kalligrafische Dienstleistungen anbieten und nach freien Mitarbeiter*innen suchen.
  • Designunternehmen, die Schriftzüge erstellen lassen wollen, z.B. als Logo
  • Privatleute, die kalligrafische Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Sie suchen z.B. über Hochzeitsportale (oder finden Anzeigen in Hochzeitsmagazinen oder an einem Stand auf einer Hochzeitsmesse), online-Anzeigen, Handlettering etc. 

Verdienst:

Selbstständige Angebote nach Aufwand und Marktlage. Auf einem Weihnachtsmarkt habe ich eine Schülerin erlebt, die selbstgeschriebene, sehr hochwertige Karten für zwei Euro anbot. Das liegt natürlich unter den Kosten für eine gedruckte Kunstkarte und ist unwirtschaftlich. In Angebote von Selbstständigen müssen immer deren Nebenkosten und Steuern einfließen. Wieviele Karten schaffen Sie pro Stunde? Dies können Sie entsprechend umrechnen.

Alternativen: 

  • Dozent*in im Bereich Kommunikationsdesign, Kalligrafie 
  • Kurse anbieten, Workbooks und Anleitungen anbieten

Wissenschaftliche oder pädagogische Beschäftigung mit der Handschrift. Wie lässt sich entwicklungsgerecht das Schreiben erlernen? Z.B. Schreibmotorik-Institut, wo wissenschaftliche Mitarbeitende angestellt sind (mitunter gibt es Ausschreibungen) und wo Sie Ihre Masterarbeit bzw. als Werkstudent*in beginnen können. Das Institut forscht, bietet Beratung an, führt wissenschaftliche Tagungen zum Thema Handschrift durch, zertifiziert Produkte, Systeme und Lernangebote zum Schreibenlernen und entwickelt Schreibanalysetools.  Das Einkommen im wissenschaftlichen Dienst oder im Bildungsbereich errechnet sich meist den Tarifverträgen des öffentlichen Diensts und ist abhängig von Bildungsabschluss, Tätigkeit und Dienstjahren. Sie finden Informationen dazu in den Entgelttabellen des öffentlichen Diensts (siehe unten).  

Regionale Besonderheiten/Schwerpunkte:

Hier eher zeitliche Schwerpunkte: Vorweihnachtszeit, Valentinstag, Hochzeitssaison

Geisteswissenschaftler*innen?

Ein geisteswissenschaftliches Studium ist kein exklusiver Weg in diese Tätigkeit. Sie finden eine große Bandbreite vom Hobby, das zum Nebenjob ausgeweitet wird bis hin zur wissenschaftlichen Erforschung und Vermittlung zum entwicklungsgerechten Schreiblernen. In Tätigkeiten rund um Schönschreiben etc. finden Sie darum auch Menschen ganz ohne akademisches Studium, die aufgrund von Talent und Selbststudium schöne Produkte anbieten – und die Qualität des Produktes ist für die Kundschaft wichtiger als der Abschluss der Anbieterin. Bei der Recherche traf ich auch auf Anbieter*innen, die Ausbildungen oder Studien in Design, Illustration, bildenden Künsten, Kommunikationsdesign oder Marketing absolviert haben.  

Warum taucht Schönschreiber*in dann unter Berufen für Geisteswissenschaftler*innen auf? Weil wir aus unseren Fächern eigene, oft interdisziplinäre oder spezialisierte Zugänge zu diesem Arbeitsfeld haben: Paläografie, Bildungs-, Typografie- und Schriftgeschichte, Design- und Kunstgeschichte. Je nach Schwerpunkt, Haupt- oder Nebenfächern sind Absolvent*innen aus den Bildungswissenschaften, der Pädagogik und Psychologie oder Absolvent*innen mit einem fachdidaktischen Schwerpunkt zum schriftlichen Ausdruck ebenfalls geeignet für Tätigkeiten in der wissenschaftlichen Vermittlung und Erforschung des Schreibenlernens mit der Hand. 

Kompetenzen und Kenntnisse:

  • Schön schreiben können in verschiedenen Variationen 
  • Kenntnis von Schriftgeschichte und -gestaltung, Kenntnis von Schriftarten
  • Kenntnis von (historischen, fremdkulturellen…) Schreibverfahren und -techniken, kalligrafischen Gestaltungsmethoden
  • Technische Handhabung der unterschiedlichen Schreibwerkzeuge
  • ausdauerndes Handgelenk
  • Pünktlichkeit und Termintreue (Zeit- und Selbstmanagement)
  • gute Umgangsformen 
  • Parkettsicherheit und gute Umgangsformen (dazu fragen Kunden auch – was ist angemessen?)
  • Konzentration, sauberes, sorgfältiges Arbeiten, Disziplin. Wenn der Auftrag z.B. Weihnachtskarten sind, schreiben Sie evtl. hundert, bei Einladungen zu Events vielleicht tausend – mit dem immer gleichen Text in immer gleicher guter Qualität. 
  • Fähigkeit zum unternehmerischen, selbstständigen Arbeiten

Studium und Weiterbildung:

  • Akademien für Kommunikationsdesign
  • Fernstudienangebote privater Anbieter
  • VHS-Kurse
  • Selbststudium

Literatur, Blogs, Portale usw.:

Daniel Sonder: Der Schönschreiber (Roman), Zürich 2017

Anne Trubek: The History and Uncertain Future of Handwriting, New York 2016

Referenzen:

http://www.schoen-schreiber.de/index.html

https://aushilfsjobs.de/nebenjob/sch%C3%B6nschreiber.html

https://www.haz.de/Sonntag/Top-Thema/Die-Schoenschreiber

https://www.schreibmotorik-institut.com/index.php/de/

https://www.kalli-graf.com/

Text von Mareike Menne

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