Gesundheitszeit, nicht wahr? Ohne ernsthafte Debatte freilich, was Gesundheit außer der Abwesenheit von Corona sei [update 23.10.2020: doch: auf L.I.S.A., dem Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung], ob es sinnvoll ist, so etwas Fragiles und subjektiv Empfundenes wie Gesundheit zum kulturellen Leitmotiv zu erheben und ob der Gruß-Wunsch „Bleib gesund!“ nicht taktlos Gesundheit unterstellt, wo eher ein CONVALESCE! zu wünschen wäre. Ich hatte im Juni bereits gepostet, dass wir uns im Brotgelehrte-Team auch die körperlichen Grundlagen unseres Idealismus kümmern. Darum nun eine radikalpragmatische Anregung, um uns habitus- und fachgruppengerecht zu ertüchtigen.

Vor einiger Zeit fand ich auf ZEITonline Fitnesstipps mit Büchern. Das meinte nicht das Lesen von Fitnessbüchern, was natürlich ebenfalls eine gute Alternativ-Strategie sein kann, ebenso wie die Lektüre von frühneuzeitlichen Diätiken, was ich eine Weile betrieb, doch ohne nennenswerten materiellen Effekt. Nein, in dem ZON-Artikel werden Bücher als Fitnessgeräte für die Einrichtung eines agilen HomeGym genutzt. Das finde ich sehr angemessen, zumal eine Vielzahl von Geisteswissenschaftler*innen ja in den beengten Verhältnissen der Städte lebt und der Buchpreis trotz steigender Rohstoffkosten recht konstant bleibt. Ich habe die Tipps ausprobiert und kann berichten, dass es gar nicht so leicht ist, gleich hohe Bücherstapel aus unterschiedlichen Werken zu bauen. Die Übung mit den Stapeln und der Stange braucht eine gewisse Fixierung, nicht nur für Menschen mit einem Kontrollthema. Wie erging es Euch damit?

Allerdings haben diese Übungen den Nachteil, die Weite und Bewegtheit von Geist und Körper nur unzureichend anzusprechen. Darum hat sich in meiner Praxis auf dem Lande folgendes Vorgehen bewährt:

Tag 1

  1. Man suche einen guten Rundweg, ca. drei Kilometer, gern mit leichten Steigungen oder Wechsel der Bodenbeschaffenheit bzw. passend zur körperlichen Ausgangslage. Auch symbolische oder tatsächliche Barrieren sind gut: zu überquerende Gewässer, Täler, Zäune, Tore, Schranken, um den eigenen Umgang mit Grenzen zu reflektieren. Wenn andere Lebewesen am Streckenrand anzutreffen sind: zur Relativierung des Anthropozentrismus umso besser.
  2. Nun packe man Kants Kritiken in einen Rucksack und gehe eine Runde. Man lasse im Wissen um das Gewicht auf dem Rücken die Strecke auf sich wirken. Am Ausgangspunkt angekommen notiere man die wesentlichen Beobachtungen und gebe der Erfahrung Worte.
  3. Nach der ersten Runde packe man Kant aus, und ordentlich aufgewärmt, wie man nun ist, Nietzsches Gesamtwerk ein. Erneut gehe man los und lasse die Strecke auf sich wirken. Vielleicht ist manche Grenze mit diesem Gewicht nun anders zu nehmen, manches Tier ferner als zuvor, ja, selbst Entgegenkommende grüßt man mit verändertem Tonfall. Am Ausgangspunkt angekommen, notiere man auch jetzt die wesentlichen Beobachtungen und verleihe der Erfahrung Worte.
  4. Zeit für eine kleine Erfrischung. Dann packe man Nietzsche aus und Butler, z.B. „Undoing Gender“, ein. Vielleicht dominiert zunächst die Wahrnehmung des geringeren Gewichts; doch man lasse sich nicht täuschen, es geht auf die Kilometer sieben bis neun, vertiefte Strecke, langer Atem. Erneut gehe man los und lasse die Strecke, zunehmend aber auch sich selbst im Verhältnis zur umgebenden Welt, in der Geschwindigkeit, Leichtigkeit oder Anstrengung der Bewegung auf sich wirken. Vielleicht wird man ganz Fuß und fragt sich, warum Lauf- und Wanderschuhe gegendert werden. Vielleicht tritt nun das Verlangen nach Variation in den Vordergrund; die Frage: „Was ist Langeweile?“ lenkt von der Langeweile ab, und beschämt fällt uns die längst vergangene Schopenhauer-Lektüre ein. Am Ausgangspunkt angekommen notiere man ein letztes Mal für heute die wesentlichen Beobachtungen und fasse die Erfahrung in Worte.
  5. Dann führe man die Notate in einer abschließenden – chronologischen oder vergleichenden – Perspektive zusammen. Man nähre sich anschließend gut und genieße einen erholsamen Schlaf.

Da wir uns ertüchtigen wollen, braucht es Wiederholung, Steigerung und Übung. Darum liegt derselbe Rundweg auch am Folgetag vor uns. Nach einem Blick auf die gestrigen Notate und der Schaffung einer guten Nahrungs- und Wassergrundlage sei man bereit.

Tag 2

  1. Erneut packe man Kants Kritiken ein und gehe los. Nun aber führe man die Gedanken, wenig überraschend: Was kann ich wissen? Wie soll ich handeln? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Wenn man die Fragen beständig wiederholt, kann man rasch bemerken, dass sich der Rhythmus des Gangs dem Rhythmus der Fragen anpasst – und umgekehrt. Es sind wunderbare Geh- und Wanderfragen. Aha! Ein erstes Antwortindiz. Vielleicht erhebt man den Geist in die nun vertrauter werdende Umgebung und bemerkt auch dort Antwortmöglichkeiten, vielleicht noch tastend, vielleicht schon sicher. Man notiere sie am Ende der Runde.
  2. Ihr ahnt es, doch nicht der Wille leite die zweite Runde, sondern die Fröhlichkeit: Wieder kommt Nietzsche in den Rucksack. Bei mir hat es sich bewährt, zur Führung der Gedanken aus dem fünften Teil von Zarathustras Vorrede zu wählen, ich zitiere:

„Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann. Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen. »Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?« – so fragt der letzte Mensch und blinzelt. Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten. »Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln. Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme. Krankwerden und Mißtrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Tor, der noch über Steine oder Menschen stolpert! Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben. Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, daß die Unterhaltung nicht angreife. Man wird nicht mehr arm und reich: beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich. Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das Gleiche, jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus. »Ehemals war alle Welt irre« – sagen die Feinsten und blinzeln. Man ist klug und weiß alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald – sonst verdirbt es den Magen. Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.“

Gut, vielleicht lässt diese Auswahl auf zu vielen Ebenen Gehässigkeit im Blick auf die Mitmenschen zu. Damit kommt man Nietzsche natürlich erstaunlich nahe. Aber sie liest sich verblüffend aktuell. So erlaubt sie sowohl die Wahrnehmung der Differenzierung des Konzepts „Mensch“ als auch die Frage nach der Dimension Zeit im Sinne von Rhythmus einerseits und Achtsamkeit als radikales Präsenz andererseits. Man notiere erneut seine Betrachtungen am Ende der Runde.

  • Derart aufgewärmt zwischen Erkenntnis, Verunsicherung, Erheiterung, Entschlossenheit und Kritik packe man Nietzsche aus und „Undoing Gender“ für die letzte Runde des Tages ein. Je nachdem, wie trainiert man ist, kann die einsetzende Erschöpfung nun den Blick auf das Wesentliche richten. Wird das Konzept von Mensch, auf der ersten Runde vorgedacht, auf der zweiten differenziert, nun so gefasst werden können, dass es mich auch nach der Überwindung restriktiver Normen von Geschlecht, Rasse, körperlicher und psychischer Beschaffenheit einschließt? Wie ungewiss ist die Ontologie des „Selbst“, und doch: Es geht! Was brauche ich also, um ein mich inkludierendes Menschenbild für eine positive Zukunft zu entwerfen? Was brauche ich dafür von anderen? Was kann ich anderen geben? So zwischen Ontologie und Transfer, in heiterer Müdigkeit notiere man den gedanklichen Fortschritt des Tages.
  • Dann feiere man angemessen das Geleistete. Achtzehn Kilometer aus eigener Kraft mit gewählter Bürde. Chapeau!

Was wählen wir für die nächsten Runden? Dieselbe Lektüre, anderer Weg? Andere Lektüre, derselbe Weg?

Bleiben wir in Bewegung! Moveamus!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Menü