Seit einer Weile veröffentlichen wir die Sammlung von offenen Stellenanzeigen aus Westfalen und Lippe. Ich wurde dazu gefragt, ob es eine sinnvolle Strategie für Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen sei, auf die Region zu setzen bzw. in der Region zu suchen. In diesem Beitrag gehe ich der Frage aus zwei Perspektiven nach:

  1. Was kann der regionale Blick auf unsere Arbeitsmärkte leisten?
  2. Wie gehe ich in Beratung, Workshops und Coaching mit Regionalität um?

(Wir wurden natürlich auch gefragt: Warum ausgerechnet Westfalen und Lippe, warum keine urbane Region, das ist doch unser eigentliches Milieu! – Doch ich entschied: Wir graben, wo wir stehen, denn irgendwie müssen wir die unbezahlte Arbeit im Blog eingrenzen. Es gibt ja auch tolle verwandte Blogs für andere Regionen, etwa Gesines Jobtipps für Berlin/Leipzig oder das Jobforum Kultur für “interkulturelle ” Jobs! Doch ich nehme den Einwurf ernst und schaue in dieser Woche mal über den Tellerrand hinaus – am kommenden Mittwoch in die Region Dresden.)

Von Zefram, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3670303

Was kann der regionale Blick auf unsere Arbeitsmärkte leisten?

  1. Der regionale Blick erinnert daran, dass Raum-, Verwaltungs- und Arbeitsmarktstrukturen historisch gewachsen sind und insofern die Berufsorientierung und Stellensuche in diesen Kontexten stattfindet. Regionen haben unterschiedliche Schwerpunkte und Lücken, unterschiedliche Netzwerkstrukturen und Weiterbildungsangebote, unterschiedliche Bedarfe an unseren Absolvent*innen und auch hinsichtlich der professionellen Identität derjenigen, die bereits länger im Beruf sind. Letztlich sind Bildung und Kultur auch weitgehend Ländersache, was sich in Förderschwerpunkten, sozialem Profil und auch politischer Programmatik niederschlägt.
    Ganz pragmatisch können wir festhalten: Wenn jemand in Paderborn studiert und unter den Berufsmöglichkeiten der Studiengangsbeschreibung „Politik“ oder „Verlag“ findet, dann ist das nicht falsch, überlässt aber den Lesenden die Schlussfolgerung, dass für die Kombination aus Studium in Paderborn und Wunsch-Berufstätigkeit im Feld „Politik“ oder „Verlag“ sehr wahrscheinlich eine regionale Veränderung ansteht. Ein Schwerpunkt auf Bildungs- und Sozialwesen hingegen erlaubt eher Stabilität. Insofern zeigt der vergleichende Blick in die Regionen, dass es geisteswissenschaftliche Arbeitsmärkte mit unterschiedlichen Branchenschwerpunkten und damit auch Wahlmöglichkeiten gibt – und dass folglich der regionale Kontext Einfluss auf Einstiegs- und Laufbahnstrategien haben kann oder wird.
  2. Regionale Stabilität ist von vielen Studierenden und auch Absolvent*innen in meinen Coachings immer wieder (und fast entschuldigend für das Heraustreten aus einem Mindset von Mobilität) als Wunsch oder sogar Priorität genannt worden. Es ist an dieser Stelle müßig, darüber zu befinden, ob dieser Wunsch angemessen sei – die Gründe sind sehr unterschiedlich und haben in meiner Wahrnehmung nur in Einzelfällen mit Bequemlichkeit zu tun. Die regionale Orientierung in ländlichen Gebieten hat häufig zur Folge, dass der Zugang zu typischen Laufbahnen in klassischen Berufsfeldern erschwert wird – und den meisten ist dies auch bewusst. Die Frage ist, wie sie dennoch eine fachlich und sozial angemessene Berufstätigkeit finden; diese liegt dann meist außerhalb der typischen Beschäftigungskontexte, erfordert Anpassungsqualifikationen und professionelle Kulturwechsel. Damit dies zielstrebig und orientiert geschieht, hilft es, die regionalen Wirtschaftsstrukturen zu kennen, sich selbst darin zu verorten und sich des Schnitts zwischen wissenschaftlichem Studium und privatwirtschaftlicher oder Verwaltungstätigkeit bewusst zu sein.
  3. Regionalität kann insofern auch transferfähige Erkenntnis- und Suchkategorie sein. Um „den Arbeitsmarkt“ zu fassen, hilft es, konkrete Akteure, ihre Recruiting- und Einstellungsverfahren und ihre Anforderungen zu identifizieren. Wenn Sie dies im Kreis Lippe geübt haben und über entsprechende Kenntnisse verfügen, werden Sie es auch für andere Regionen adaptieren können. Aus den Ausschreibungen und der Öffentlichkeitsarbeit konkreter Akteure können Sie ableiten, welche Erwartungen formuliert werden. Dies kann Sie hinsichtlich der Fragen nach „Brauche ich BWL?“ oder „Heißt Digitalisierung, dass ich auf jeden Fall noch Programmieren lernen sollte?“ beruhigen und Ihr Profil anhand tatsächlicher Anforderungen für Einstiegsstellen präzisieren – ggf. auch das, was tatsächlich noch angereichert werden sollte.
    Natürlich gilt dieser methodische Zugang auch für die überregionale Stellensuche, etwa in national orientierten Branchen; relevant ist hier, dass Sie eine diffuse, überfordernde Vorstellung von „Arbeitsmarkt“ konkretisieren, um handlungsfähig zu werden. Dafür ist Fokus und Eingrenzung nötig, und die Region ist dafür ein hilfreiches Konstrukt.
  4. Schließlich zeigt der Blick in die Region auch deren Grenzen bei der Berufsorientierung von Geistes- und Kulturwissenschaftler*innen auf, ebenso wie die beiden Bewegungen aus dem Regionalen ins Lokale und ins Überregionale. Es gibt typische Arbeitsmärkte für unsere Absolvent*innen, die eben keinen, nur als Normvarianz oder nur temporär regionalen Charakter haben: die Tätigkeit in Wissenschaft oder internationalen Organisationen etwa. Darüber hinaus gibt es z.B. in vielen Kultureinrichtungen die informelle Erwartung, während oder nach dem Studium eine Art „Kavalierstour“ absolviert zu haben, sowohl zur persönlichen Entwicklung als auch zum Knüpfen von Netzwerken, die für die aufnehmende Organisation kulturelles und soziales Kapital darstellen.
    Weiterhin gibt es Tätigkeiten und Stellen, die aus einem überregionalen Kontext in den Ort hineinwirken – etwa in der Museumslandschaft. Andere wiederum sind in der Arbeitspraxis dezentral organisiert, doch erhalten ihre Impulse und Leitmotive aus den urbanen und Verwaltungs-Zentren etwa in der Arbeit für Verbände und Stiftungen, Einrichtungen des Landes oder der Kirchen und im Bildungssektor. Zum Stellenprofil kann es dann gehören, zwischen Zentrum und Standort zu vermitteln.

Wie gehe ich in Beratung, Workshops und Coaching mit Regionalität um?

Ich wurde gefragt, ob das Coaching nur auf bestimmte Regionen bezogen sei, weil ja auch die Ausschreibungen Westfalen-Lippe in den Blick nehmen?
Nein. Wir analysieren im Coaching die Region, in der Sie sich bewegen oder in die Sie sich hineinbewegen wollen – auf der Grundlage meiner Brotgelehrten-Erfahrung seit nun 13 Jahren im gesamten Bundesgebiet, auf der Grundlage bereits vorliegender vergleichender regionaler Recherchen. Ggf. recherchieren wir gemeinsam für Sie ganz individuell. Das Format aber kann bei großer räumlicher Distanz eine virtuelle Begegnung per Videokonferenz, Telefon und/oder schriftlich sinnvoll machen.

Uns leiten im Beratungs- und Coachinggespräch u.a. folgende Fragen – Sie können Sie auch einfach zum Ausgangspunkt eines selbstgesteuerten Prozesses nutzen:

  • Wissen und Kenntnisse, ausgehend von:
    Was gibt es über Arbeitsmärkte von und für Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler*innen in der Region zu wissen? Wo steckt dieses Wissen?
  • Positionierung, ausgehend von:
    Was weiß ich über mich selbst in Bezug auf diese Arbeitsmärkte? Agiere ich aus einem Zentrum heraus oder aus der Peripherie? Wie passt das regionale Angebot zu meinem Profil und meinen Wünschen?
  • Ressourcen, ausgehend von:
    Wie setze ich meine Ressourcen gut ein, um mein Potenzial zu entfalten? Was kann ich tun, wenn ich nur über begrenzte Ressourcen wie Zeit, Mobilität, Geld oder Gesundheit verfüge?
  • Ziel und Strategie, hinführend zu:
    Wo stehe ich, wo will ich hin und wie komme ich am besten dorthin?
  • Plan und Priorität, hinführend zu:
    Ins Handeln kommen, die nächsten Schritte planen und umsetzen.

Im selbstgesteuerten Prozess reichern Sie die Fragen an, modifizieren Sie sie! Oder wir gehen es gemeinsam an – kontaktiere(n Sie) mich gern!

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