Wertschätzung von Kulturwissenschaftler*innen in Veränderungsprozessen

von Julia Koop

Als Studentin der Kulturwissenschaft und Bachelorabsolventin habe ich in meinem Leben einige positive, aber leider häufig auch negative Situationen im Zusammenhang mit meiner Fachwahl erlebt. Dabei denke ich insbesondere an private und berufliche Kennenlern-Momente sowie bestimmte Situationen im eigenen sozialen Umfeld. Darauf folgten Fragen:

  • Fehlt die Aufgeschlossenheit klassischer Arbeitgeber von Kultur- und Geisteswissenschaftler*innen, neue Studienformen anzuerkennen?
  • Fehlt die Aufmerksamkeit einflussreicher Arbeitsmarktmilieus, unsere Absolvent*innen überhaupt als kompetente potenzielle Arbeitnehmer*innen wahrzunehmen?
  • Fehlt der Transfer von Seiten der Kultur, Kulturwirtschaft und -wissenschaft zu anderen Gesellschaftsbereichen, um die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten zu kommunizieren, um so mit alten Denkschemata aufzuräumen?
  • Warum assoziieren viele mit dem Begriff „Kulturwissenschaft“ gleich ein Berufsleben der freien Kunst oder Musikpraxis? Und warum wird dies anscheinend gleich gesetzt mit „brotloser, nichts einbringender Kunst“? Stimmt dieser Gedanke im Jahr 2020 noch?

Viele unserer Studiengänge sind theoretisch, forschend, analytisch und wissenschaftlich, ja, sogar wirtschaftlich angelegt. Natürlich spielen die Künste und die Kultur eine zentrale Rolle in unseren Fachrichtungen, jedoch mit unterschiedlichem Fokus, Ausmaß und unter verschiedensten Gesichtspunkten. Zudem wollen nicht alle Künstler*in, Sänger*in, Tänzer*in oder Musiker*in werden. Es gibt auch noch andere Jobmöglichkeiten als diese. Und selbst diese Möglichkeiten können Geld einbringen, wenn man flexibel auf Krisen, regionale und internationale Umstände reagieren kann (wie es auch nun einige Tanzlehrer*innen, Musiker*innen und Künstler*innen während der momentanen Corona-Krise zeigen). Die Tatsache, dass wir, kulturwissenschaftliche Studierende, uns mit Content Marketing, Social-Media Marketing, Projektmanagement, Eventmanagement, BWL, Recht, Politik, Bild-, Ton- und Filmbearbeitung auseinandersetzen, ist vielen noch immer nicht geläufig. Der dritte Bereich in unserem Studienkanon, das Studium Generale, ist den wenigsten bekannt.

Die Chancen, die sich dadurch für viele Branchen auftuen, scheinen auch heute noch völlig unterschätzt zu werden. Immerhin hat die Kulturwissenschaft im Zuge der Digitalisierung mit der IT schon mehr kooperiert, und auch die Provenienzforschung mit Jura. Aber es gibt noch so viel mehr Potential zusammen zu arbeiten und neue Wege einzuschlagen. Gerade jetzt, wo alle Systeme neu gedacht werden müssen. Denn durch die Corona-Krise ist ein zeitliches Vakuum entstanden, das neuen Ideen Raum und Chancen geben kann. Dies zuzulassen ist die Devise!

Banken, Maschinenbaufirmen oder Ärzte könnten von unserem Wissen profitieren. Wir sind speziell, aber haben insbesondere einen großen Überblick über Historie, Entwicklungen, gesellschaftliche Zusammenhänge und können durch unsere Analysefähigkeit strukturelle Abläufe verbessern, Firmen also beraten. Dieser Umstand ist den meisten gar nicht bewusst.

Da wir ein visuelles Auge besitzen, haben wir einen Blick für Design und Materialien. Warum wird in den Universitäten nicht mehr miteinander chemisch, design-technisch, grafisch und künstlerisch interdisziplinär gearbeitet? So viel Potential, was nicht genutzt wird. Noch immer nicht.

Daher kam ich zu der Frage, warum keine Kulturwissenschaftler*innen oder Geisteswissenschaftler*innen sondern nur Ethnolog*innen in den Krisenstab der Regierung miteinbezogen wurden? (Ein expliziter Artikel hierzu ist in Vorbereitung.) Denn wir besitzen übergreifendes Wissen, Einarbeitungsvermögen und können Prognosen erstellen. Was noch wichtiger ist: Wir können Verknüpfungseffekte mitbestimmen und wahrscheinlicher prognostizieren als manch andere. Warum bedenkt die Politik diesen Umstand und dieses Potential nicht? Warum denken wir noch immer an alte Bilder einer Kulturwissenschaftler*innen (und ggf. auch Geisteswissenschaftler*innen)?

Haben wir nicht aus vergangenen Krisen gelernt und lernen wir nicht sogar in der momentanen Krise, dass Kultur ein wesentlicher Bestandteil unserer gesellschaftlichen Identität, Geisteshaltung und Kritikapparats ist? Sogar ein großer Wirtschaftsfaktor in Bezug auf Gemeinschaftsgefühl, Tourismus und Durchhaltevermögen. Die Kultur ist viel wichtiger, als die Gesellschaft diesen Bereich wahrnimmt.

Die Kultur besteht nicht nur aus Kulturproduzierenden, sondern auch aus Denker*innen, Theoretiker*innen, Verkäufer*innen, Forscher*innen, Journalist*innen, Querdenker*innen, Kritiker*innen, Verlagsführenden und Analytiker*innen. Innovative Köpfe gibt es über die Maßen, gerade weil wir kreativer denken und besser verknüpfen können als andere Branchen. Weil wir (Jungen) weniger an alten Systemen festhalten wollen. Wir sind auf der Suche nach Herausforderungen und somit nach neuen Lösungen. Wir sind nicht Arbeitende, die kein Geld nach Hause bringen. Im Gegenteil, wir können hochrangige und gesellschaftsrelevante Positionen in jeglichen Firmen einnehmen. Sogar auch in Firmen, die auf den ersten Blick scheinbar nicht so viel mit Kultur zu tun haben. Durch unsere Ideen, unsere Kreativität, unsere Fähigkeit Zusammenhänge zu überblicken und einordnen zu können, werden Denkräume und Sichtweisen überdacht. Wir legen Grundsteine für kreative Lösungen in Produktionsabläufen, in Systemen oder Wissenschaft. Durch unser kritisches Denken fördern wir Veränderungen. Dieses bringt neuen Schwung in Firmen oder anderen Arbeitsoptionen. Die Frage ist nur, was der Gesellschaft das wert ist und wie sie uns einsetzt?

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