Manchmal gibt es „Aha!“-Situationen beim Lesen; plötzlich schließt sich ein Verstehensnetz, wird aus einer Ahnung etwas Sagbares und aus Lektüre ein Angebot, sich definitorisch in der Welt auszutoben. Meist ist es ganz vorwissenschaftlich; es sind selten die formalen wissenschaftlichen Aufsätze oder die sorgfältig ausgearbeiteten Dissertationen, die dies erlauben. Oft sind es Texte, die aus jahrelanger Empirie schöpfen und diese in transferfähige Arbeitshypothesen übersetzen. Oder die einfach mal was wagen, ohne sich in alle Richtungen abzusichern.

Mir ging es so mit Barbara Shers Konzept der „Scanner“-Persönlichkeiten; vielbegabte Menschen, die einen inneren Konflikt erleben, indem sie sich selbst sowohl als erfolgreich in ihrem Feld, begabt und begeisterungsfähig erleben, vielleicht sogar als (angehende) Expert*innen, sich aber zugleich als defizitär erfahren, insofern sie sich nicht wirklich binären Codierungen wie „Spezialisten“ oder „Generalistinnen“ zuordnen können, sich nicht für einen beruflichen Weg entscheiden wollen und die gegenwärtige Priorisierung des Fokus, der Auswahl, als wesensfremd erleben.

Ich kann den Typusvorschlag „Scanner“ nicht nur aus meinen Beratungserfahrungen als sehr hilfreiches Startschema bewerten, sondern selbst anekdotisch anreichern. Meine Habilitationsschrift konnte – wollte – ich monatelang nicht abschließen, weil die Aussicht, mein Berufsleben lang auf die Frühe Neuzeit festgelegt zu sein, viel zu einengend war. Sie wurde in der ersten Fassung ein monströser Text, der nach universalistischen Anknüpfungen suchte, mit Hypertext experimentierte, um wenigstens einen Teil der Komplexität des Gegenstandes in der Darstellung aufzugreifen, und darum rang, sich aus linearen Beschränkungen zu befreien. Ich war innerlich in Aufruhr, über Universalisten zu schreiben und zugleich zu erleben, dass ein überwiegender Teil gegenwärtiger Kultur und Wissenschaft Universalismus nur historisch akzeptiert, einen individuellen Entschluss für ein Leben als universalistischer Mensch jedoch skeptisch sieht, als Ausdruck von Unreife, fehlendem Fokus, mangelnder Willenskraft und Struktur, vielleicht sogar als Hinweis auf Unzuverlässigkeit und Unordnung.

Der „Scanner“-Typus mit historischen Bezügen zu (barocken) Universalisten und Renaissancemenschen war ein Vorschlag, der zum einen mental entlastete und zum anderen wirkliche Handlungsmöglichkeiten offenbarte. Wenn ich also ernst nehme, dass ich Scanner sein könnte, dann folgen daraus konkrete berufliche Praktiken, die ganz unterschiedlich und nicht linear sein müssen.

  • Sie können wahrhaftig interdisziplinär angelegt sein, so, wie es in der Forschungskommunikation ja ohnehin Mainstream ist.
  • Sie können temporär angelegt sein, so, wie es in vielen Laufbahnen oder mit der Unterbrechung durch Elternschaft ohnehin praktiziert wird.
  • Sie können in Einkommens- und Tätigkeitskombinationen liegen, so, wie viele Freiberufler*innen es ohnehin handhaben.
  • Sie können auf der Grundlage einer agilen Laufbahnplanung entworfen werden.

Es war mir eine Freude, dieses Konzept von Vielbegabung in die Beratungstätigkeit einfließen zu lassen – und für viele Klient*innen eine Erleichterung und Perspektivenerweiterung, damit und daran zu arbeiten.

Fast ging die Nachricht im Krisenmodus und Corona-Livestream unter: Barbara Sher ist am 10. Mai 2020 gestorben. Ich bin ihr sehr, sehr dankbar.

Barbara Sher: Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast, München 2008.

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